Schulterprobleme verstehen – Teil 2: Ursachen & Diagnostik
Viele Betroffene kennen das Gefühl: Ein Ziehen beim Anheben des Arms, ein Stechen in der Nacht oder ein dumpfer Schmerz nach dem Training. Schulterschmerzen!
Die Schulter ist ein wahres Bewegungswunder – aber genau diese Vielseitigkeit macht sie auch empfindlich für Überlastung.
Die gute Nachricht: In den meisten Fällen steckt nichts Dramatisches dahinter.
Häufig handelt es sich um funktionelle Beschwerden, die sich mit gezielter Bewegung, Training und physiotherapeutischer Anleitung sehr gut behandeln lassen.
Warum entstehen Schulterschmerzen?
Die Schulter ist ein fein abgestimmtes System aus Gelenken, Muskeln, Sehnen und Nerven.
Wenn ein Teil dieses Systems nicht optimal arbeitet, geraten die Kräfte aus dem Gleichgewicht – und die Strukturen reagieren mit Schmerz oder Reizung.
Die häufigsten Ursachen:
(klicke um mehr zu erfahren)
Muskuläre Dysbalance und Kraftungleichgewicht
Viele Menschen haben aufgrund ihrer Alltagsbelastungen ein Muskelungleichgewicht (z.B. vermehrt belastete Vorderseite (Brust, Vordere Schulter), aber eine schwächere Rückseite (Schulterblattmuskulatur, Rotatorenmanschette).
➡️ Folge: Der Oberarmkopf steht nicht mehr ideal in der Gelenkpfanne – es kommt zu Reibung oder Einklemmungsgefühlen.
Fehlhaltungen & Bewegungsmangel
Stundenlanges Sitzen, Rundrücken, hochgezogene Schultern oder Arbeiten am Laptop in ungünstiger Haltung verändern die Gelenkstellung.
➡️ Dadurch wird das Zusammenspiel von Muskeln und Sehnen gestört, und es entstehen chronische Reizzustände.
Überkopfbelastungen & monotone Bewegungen
Berufe oder Sportarten mit vielen Überkopfbewegungen (z. B. Maler:innen, Schwimmer:innen, Volleyball, Tennis) beanspruchen die Schulter stark.
➡️ Durch die ständige Belastung ohne ausreichende Regeneration entstehen Mikroverletzungen und Entzündungen.
Degenerative Veränderungen – ein normaler Alterungsprozess
Mit zunehmendem Alter verliert das Gewebe an Elastizität und Feuchtigkeit.
Das ist kein „Verschleiß“ im negativen Sinn, sondern ein ganz natürlicher biologischer Prozess.
➡️ Viele dieser Veränderungen sind auch bei schmerzfreien Menschen im MRT zu finden – sie bedeuten also nicht automatisch Krankheit.
Akute Überlastung oder Verletzung
Ein Sturz, eine plötzliche ruckartige Bewegung oder zu intensives Training kann die Sehnen kurzfristig reizen.
➡️ Hier hilft frühzeitige, dosierte Bewegung besser als strikte Schonung.
Psychosoziale Faktoren
Stress, Schlafmangel oder Anspannung führen oft dazu, dass Schultermuskeln unbewusst dauerangespannt sind.
➡️ Der Körper reagiert mit Spannung und Schmerz – ganz ohne strukturellen Schaden.
Was bedeutet das?
Schulterschmerzen sind multifaktoriell – es spielen also körperliche, psychologische und soziale Einflüsse zusammen.
Das erklärt, warum zwei Menschen mit ähnlichem MRT-Befund völlig unterschiedlich viele Beschwerden haben können.
Wie findet man heraus, was dahinter steckt?
Der wichtigste Schritt ist eine gründliche funktionelle Untersuchung.
Nicht das Bild entscheidet, sondern das Verhalten der Schulter in Bewegung.
🔎 Typische Schritte in der physiotherapeutischen Diagnostik:
- Anamnese – das Gespräch
Wie haben die Beschwerden begonnen? Wann treten sie auf? Gibt es auslösende Bewegungen oder Ruhephasen mit Besserung?
Schon hier zeigt sich oft ein klares Muster, das Hinweise auf Haltung, Alltagsgewohnheiten oder Trainingsfehler gibt. - Bewegungstests
Der Therapeut prüft Beweglichkeit, Kraft und Koordination:- Wie weit lässt sich der Arm schmerzfrei heben oder drehen?
- Welche Muskeln aktivieren zuerst – und welche kompensieren?
- Gibt es Unterschiede zwischen rechter und linker Seite?
- Palpation und Funktionstests
Durch Abtasten erkennt man Muskelverspannungen, Triggerpunkte oder schmerzhafte Sehnen.
Funktionelle Tests wie der „Empty-Can-Test“ oder der „Lift-Off-Test“ helfen, betroffene Muskeln der Rotatorenmanschette zu identifizieren. - Haltung & Bewegung im Alltag
Häufig zeigt sich beim Heben, Arbeiten oder Sitzen, wie die Schulter wirklich belastet wird.
Eine kleine Haltungsänderung kann hier schon große Wirkung haben. - Bildgebung – nur wenn nötig
MRT oder Ultraschall können sinnvoll sein, wenn:- Lähmungen oder starke Bewegungseinschränkungen auftreten,
- ein Trauma vorliegt (z. B. Sturz),
- nach 6–8 Wochen gezielter Therapie keine Besserung eintritt.
Studienlage:
Viele MRT-Befunde zeigen Veränderungen, die auch bei völlig beschwerdefreien Personen vorkommen.
Eine Studie von Teunis et al., 2014 zeigte: Über 50 % der über 50-Jährigen haben Sehnenveränderungen in der Schulter – ohne Schmerzen.
👉 Das bedeutet: Das Bild erklärt nicht den Schmerz. Entscheidend ist, wie die Schulter funktioniert und sich bewegt.
Missverständnisse rund um Schulterschmerz
In der Praxis hört man häufig Sätze wie:
„Ich habe sicher etwas eingeklemmt.“
„Meine Muskeln sind zu fest.“
„Ich darf mich nicht bewegen, sonst mache ich es schlimmer.“
Das sind Mythen, die verunsichern.
In Wahrheit ist die Schulter ein anpassungsfähiges, robustes Gelenk, das Bewegung braucht, um gesund zu bleiben.
Zu viel Ruhe oder rein passive Maßnahmen wie Massage helfen selten dauerhaft – entscheidend sind Kraft, Koordination und Bewegungskontrolle.
Was hilft wirklich?
- Aktiv bleiben: Auch bei Schmerz darfst du dich bewegen – angepasst, kontrolliert und regelmäßig.
- Gezieltes Training: Übungen für Schulterblatt- und Rumpfmuskulatur stabilisieren und entlasten.
- Schmerz verstehen: Ein vorübergehender Schmerz bedeutet nicht automatisch Schaden.
- Frühzeitig Physiotherapie: Je eher du lernst, wie du dich richtig bewegst, desto schneller bessern sich Beschwerden.
Fazit
Die Schulter ist kein schwaches Gelenk – sie ist zwar komplex, aber stark.
Schmerzen entstehen meist durch Ungleichgewichte, Fehlhaltungen oder Überlastung, nicht durch reine „Abnutzung“.
Ein strukturiertes, funktionelles Vorgehen mit klarer Bewegungsperspektive führt in den allermeisten Fällen zu nachhaltiger Besserung – ohne Operation.
Ausblick auf Teil 3
Im nächsten Teil geht es um das, was Patient:innen am meisten interessiert:
➡️ Wie Bewegung heilt – und warum Schonung selten hilft.
Wir zeigen, welche Übungen wirklich sinnvoll sind, wie du wieder Vertrauen in deine Schulter bekommst und Schritt für Schritt in Aktivität zurückkehrst.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder individuelle physiotherapeutische Beratung.
Bei starken, anhaltenden oder plötzlich auftretenden Schmerzen, Taubheitsgefühlen oder Bewegungseinschränkungen solltest du dich unbedingt ärztlich untersuchen lassen.
Frühe Abklärung sorgt für Sicherheit – und ermöglicht eine gezielte Behandlung, bevor Beschwerden chronisch werden.
Quellen (Auswahl)
- Teunis, T., Lubberts, B., Reilly, B. T., Ring, D. (2014).
A systematic review and pooled analysis of the prevalence of rotator cuff disease with increasing age.
Journal of Shoulder and Elbow Surgery, 23(12), 1913–1921. - Littlewood, C., et al. (2019).
Exercise and load management in the rehabilitation of rotator cuff related shoulder pain.
BMJ Open Sport & Exercise Medicine, 5(1), e000668. - Hermans, J., et al. (2013).
The diagnostic accuracy of clinical tests for rotator cuff disease: a systematic review and meta-analysis.
British Journal of General Practice, 63(606), e787–e794. - Lewis, J. S. (2016).
Rotator cuff related shoulder pain: Assessment, management and uncertainties.
Manual Therapy, 23, 57–68. - S3-Leitlinie „Unspezifischer Schulterschmerz“ (AWMF, 2023).